Manche Klienten oder Patienten, die zu mir kommen fragen sich, wo im Laufe ihres Lebens ihre Authentizität verloren gegangen ist. In ihrer Kindheit drückten sie sich ganz selbstverständlich aus und liessen sich weder unterdrücken – noch hatten sie die Verbindung zu ihrem inneren Kern verloren. Ist das wirklich so?

Die Heilung liegt im Jetzt

Eine Veränderung oder Transformation geschieht immer im jetzigen Augenblick – jedoch geht es dabei ganz oft, eine alte Situation aus der Vergangenheit zu berücksichtigen. Wie das genau abläuft konnte ich vor kurzem bei einer Fortbildung mal wieder beobachten. Ich saß im Frühstücksraum und bekam beiläufig mit wie eine Familie am Nachbartisch ihr Frühstück einnahm. Dabei zeigte sich ein Muster, das bei allen Menschen abläuft. Es ist das Muster, nach dem bei allen Menschen die Stärken und auch die Schwächen der Familie an Kinder und Enkel ganz automatisch weitergegeben werden.

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Meine Aufzeichnungen vom Frühstück

„Du hast gar nichts zu sagen!“

Ein Familien-Wochenende wie im Bilderbuch. Die Pension ist ein Kraftort. Mächtige Bäume säumen das Grundstück, die Aussicht aus den Fenstern streichelt die Seele. Liebevoll wurden die Räume renoviert – der Raumschmuck zeugt von gutem Geschmack. Das Essen ist frisch und regional – beim Frühstücksbuffet läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Nichts Unnötiges steht am Buffet – alles ist von höchster Qualität und wird sofort aufgefüllt wenn es leer gegessen ist. Alles könnte perfekt sein, wenn nicht…

Vater und Tochter sitzen nebeneinander am Tisch, sie scheinen sich selbst zu genügen. Gegenüber von ihnen die Mutter, an den Stirnenden jeweils der Großvater und der Sohn – dieser zur Rechten der Mutter. Wer noch fehlt ist die Großmutter. Sie geht auf den Tisch zu, schnappt Gesprächsfetzen vom Frühstückstisch auf und nimmt zur rechten des Großvaters Platz. „Da hältst Du Dich besser raus.“ ist ihr Kommentar während sie sich setzt, noch bevor sie der Familie einen guten Morgen wünscht. „Das lasse ich mir von Dir nicht sagen.“ wehrt er sich verhalten und das laufende Gespräch wird weiter geführt. Der Sohn wird plötzlich sichtlich unruhig, zappelt und weigert sich sein Frühstück zu essen. Was er inhaltlich sagt, höre ich nicht, die Mutter kontert seinen Beitrag: „Du hast gar nichts zu sagen.“ Brav zieht er den Kopf ein, zappelt weiter und entflieht der Situation am Tisch wenigstens mit seinen Blicken.

Lernen durch Beobachtung

Manchmal kann man Situationen besser interpretieren wenn man die Inhalte nicht zur Verfügung hat, sondern nur die Körpersprache. Das habe ich im Winter beim Warten auf das Flugzeug auf einem indischen Flughafen gelernt. Dort wurde ohne Ton eine indische Bollywood Soap gezeigt. „Interessant, auch ohne die Dialoge zu hören kannst Du anhand der Körpersprache und der Gesichtsausdrücke genau die Handlung verfolgen: Eifersucht, Hass, Wertschätzung, Stolz oder Intrige“, sagte mein Mann. Er hatte recht – das war mir bisher gar nicht aufgefallen.

Und was wurde jetzt hier weitergegeben?

Die Großmutter dominiert den Großvater, achtet ihn nicht. Sein Körper fühlt sich extrem unwohl, unlebendig, dumpf, so als sei er gar nicht anwesend. Ob er es selber wahrnehmen kann bezweifle ich stark. Auch die anderen sind wahrscheinlich aufgrund der dominanten Familien-Atmosphäre gar nicht in der Lage Gefühle zu spüren – ihre Welt ist auf Vorstellungen gegründet. Die jugendliche Tochter und Vater halten sich raus aus dem was die anderen sagen. Sie bilden eine Einheit – die Tochter scheinstark indem der Vater ihr die Macht seiner ganzen Aufmerksamkeit schenkt. Seine Frau der Dominanz ihrer Mutter brav untergeben ist sowieso für ihn unerreichbar. Ebenso unerreichbar sind ihr die wahren Bedürfnisse ihrer Kinder – ihr ist nur wichtig, dass beide brav der Dominanz folgen, die sie von ihrer Mutter übernommen hat. So kann sie auch nicht sehen, dass ihr Sohn gerade dabei ist, sich gegen die Unlebendigkeit bei Tisch aufzulehnen. Er zappelt und ist frech, weil er noch der einzige ist, der nicht gefühllos ist, sondern das Unwohlsein jedes Einzelnen zu Tisch wahrnehmen kann. Wahrscheinlich zerreißt es ihn innerlich geradezu. Doch sein Versuch zur Lebendigkeit wird erstickt, die Potenz des Sohnes fällt in sich zusammen. Ich frage mich, wer dieses Muster eines Tages unterbrechen wird, notiere meine Beobachtung auf einem alten Umschlag und beschließe einen Blogartikel daraus zu machen.

Was ich hier beobachtet habe geschieht in allen Familien. Wenn Lebendigkeit beschnitten ist, wird genau das weitergegeben, wenn Lebendigkeit gelebt wird ist das das Erbe unserer Kinder. Und wir können uns noch so anstrengen, inhaltlich Wissen zu vermitteln – das Gehirn von Kindern ist so beschaffen, dass sie beiläufig alles aufsaugen wie wir mit ihnen umgehen. Es entstehen Programme, die künftig automatisch ablaufen. Wohl dem, der in einer lebensbejahenden Familie aufwachsen durfte. Wie die Atmosphäre in der Kindheit war bis zu unserem 6. Lebensjahr entscheidet schließlich darüber, wie wir programmiert sind. Und es ist gar nicht so selten, dass eine Situation bei Tisch in meiner Arbeit den Schlüssel für eine Veränderung liefert – denn da sind oft alle Familienmitglieder anwesend. Das Gute ist: es ist niemals zu spät, die Programme so zu ändern, dass Sie immer authentischer sein können, selbstbewusster, lebendiger, kraftvoller, erfolgreicher und gesünder.

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Bild: Shivani Vogt, geb. Allgaier (cc)

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