Liebe Shivani, ich mache es ganz ganz kurz: Seit Jahren beschäftigt mich das Thema Tierquälerei. Immer wieder kommt im Fernsehen, wie die Tiere in der Massentierhaltung leiden, oder wie Versuchstiere benutzt werden. Dann schaltet man den Fernseher wieder aus – und ich kann es nicht verdrängen. Die Bilder verfolgen mich. Natürlich kaufe ich nur tierische Produkte, wenn überhaupt, aus artgerechter Haltung. Aber für das Individuum, das irgendwo in Deutschland lebend in einen Häcksler geworfen wird (männliche Kücken), bringt mein Konsumverhalten keine Rettung. Meine Mitbewohnerin ist das ganz anders: Sie ist zwar auch gegen Massentierhaltung, kauft aber ihr Fleisch beim Discounter und hat auch kein schlechtes Gewissen. Sie verdrängt das Thema anscheinend irgendwie. Ist das Verdrängen wünschenswert? Wie gehe ich mit meinem Entsetzen um, das ich nicht mehr los werde? Normalerweise kann ich nach so einem Fernsehbeitrag ein oder zwei Tage lang nichts essen. Dann lenkt mich irgendeine Sache ab, und ich vergesse es wieder, bis zum nächsten Mal. Aber es sammelt sich auch in meinem Unterbewusstsein, so dass ich manchmal nicht mehr fröhlich sein kann. Ich hoffe, ich erscheine Ihnen nicht als „Spinner“, es ist wirklich ernst gemeint, auch wenn viele den Kopf schütteln über mich. Viele Grüße Cecilia

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Wie glücklich ist Ihr Teller?

Liebe Cecilia,

Sie haben für sich den Wert festgelegt, gegen Massentierhaltung zu sein. Wenn Sie Berichte darüber sehen wie Tiere als Objekte missbraucht werden, verfolgen Sie die schrecklichen Bilder. Manchmal vergessen Sie das auch wieder. Ganz anders geht es offenbar einer Freundin, diese kann die Bilder ganz leicht von sich wegschieben. Jetzt fragen Sie sich, ob dieses Verdrängen wünschenswert sei.

Als erstes danke ich Ihnen für das Vertrauen, diese Frage hier zu stellen. Das Thema Tierquälerei wird ja vor allem in sozialen Medien sehr kontrovers diskutiert. Oft laufen diese Diskussionen grenzüberschreitend und nicht gerade wertschätzend ab.

Jetzt fragen Sie: Ist Verdrängung wünschenswert?

Das kann ich so nicht beantworten – da gibt es keine einheitliche Antwort. Aber Verdrängung ist eine Fähigkeit unseres Organismus, die offenbar sinnvoll ist. Nach meiner Erfahrung hat ein Organismus gute Gründe, Themen zu verdrängen wenn er dieses tut. Zum Beispiel gibt es Menschen, die einen Unfall erlebten und sich an dieses Geschehen einfach nicht mehr erinnern können – so sehr sie dies auch wollen. Manche sagen, dass die überfordernde Erfahrung schlicht nicht im Gedächtnis abgespeichert wurde – andere sagen, die Erinnerung würde den Betreffenden überfordern und das Unterbewusste würde das zum Schutz verdrängen.

Was heisst das aber ganz persönlich für Sie?

Ich frage mich, ob Sie nicht eigentlich fragen möchten, wie Sie sich für Tiere einsetzen können und dabei dennoch fröhlich sein können? Wie wäre es dann damit, dass Sie darauf achten, ob Sie auch in der entsprechenden Verfassung sind, wenn Sie Beiträge über Tierleid ansehen? Wie wäre es, wenn Sie sich damit beschäftigen, wie Sie sich selbst wieder beruhigen können, wenn Sie am Leid von anderen teilhaben? Wie wäre es, wenn Sie lernen darauf zu achten, wann Ihre Grenze erreicht ist, bevor Ihr Organismus die Notbremse ziehen muss oder Sie wochenlang kraftlos Ihre Tage verbringen, sich und anderen damit auf die Nerven gehen?

Sie sind feinfühlig, vielleicht mehr als andere?

Was Sie schreiben zeigt mir, dass Sie sehr sensibel sind. Womöglich unterscheidet Sie das von anderen Menschen wie Ihrer Freundin? Und vielleicht ist es deswegen für Sie wichtig, dass Sie auch anders mit sich umgehen, als das Ihre Freundin mit sich macht?

Was empfehle ich Ihnen ganz konkret?

Um in Zukunft fröhlich Ihre Werte zu vertreten empfehle ich Ihnen folgendes:

  • Führen Sie Streitgespräche nur dann, wenn Sie sich sicher fühlen und wissen wie Sie wieder innere Stärke gewinnen können falls Sie getroffen sind. Setzen Sie sich für etwas ein – und nicht dagegen. Seien Sie zum Beispiel nicht gegen Tierquälerei, sondern für einen wertschätzenden Umgang mit Tieren. Ändern Sie Ihren Fokus.
  • Sehen Sie belastendes Filmmaterial nur dosiert an. Achten Sie darauf, dass Sie gegebenenfalls von anderen danach wieder gestärkt werden können. Oder sehen Sie sich danach etwas Stärkendes an. Das können kraftvolle Naturbilder sein oder ein Kurzfilm wie der unten.
  • Aktivitäten, die Sie stärken sollten größeres Gewicht haben als die Sie schwächen. Achten Sie auf Ihre emotionale Balance.
  • Vielleicht hat Ihre Freundin einfach eine andere Prägung als Sie? Vergleichen Sie sich nicht mit anderen, sondern achten auf Ihre eigenen Bedürfnisse. Fragen Sie nicht so sehr nach der Verdrängung von anderen Leuten – sondern damit, dass Sie in Ihrer Kraft bleiben können.

Wie wäre es, in Zukunft nicht in der Opferhaltung zu verbleiben und die schrecklichen Bilder anzusehen, unfähig zu sein etwas zu tun, sondern handlungsfähig zu bleiben, um etwas für Tiere zu tun und Ihre Werte kraftvoll zu leben? Kämpfen Sie  nicht – lieben Sie!

Um besser zu verstehen wie der Organismus lernt und wie Sie Gewohnheiten verändern können, empfehle ich „Think Big Evolution„, das Online-Training von Veit Lindau.

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Bild: Shivani Allgaier (cc)

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