Liebe Shivani, ich hatte heute eine Auseinandersetzung mit einer Kollegin. Sie hatte mir eine Notiz geschrieben: „Könntest du bitte die Heizung auf 4 stehen lassen.“ Ich fasste ihre Notiz als eine Bitte im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation auf und antwortete, dass mir 4 (höchste Stufe) zu warm sei und schlug einen Kompromiss vor. Daraufhin wurde die Kollegin sehr ärgerlich, ihre Stimme wurde laut, sie unterbrach und übertönte mich mehrmals im Gespräch und sie sagte, sie hätte es aber gern warm und ob ich die Heizung BITTE so lassen könnte!!!! Da die Kollegin nebenberuflich Heilpraktikerin Psychotherapie ist, hatte ich mit so einer Antwort nicht gerechnet, und fragte deshalb nach: Ob ich es mit einer Bitte oder einer Aufforderung zu tun habe. Die Antwort: „Mit einer SEHR dringenden Bitte.“ Ich antwortete, dass ich der Bitte nicht Folge leisten möchte, da ich unter einem überhitzten Büro sehr leiden würde. Seitdem dreht sie jeden Morgen die Heizung auf 4, bevor ich komme. Mir ist schon öfter aufgefallen, dass sie „unechte Bitten“ formuliert, also die Formulierung „würdest du bitte“ verwendet, aber im Grunde Anweisungen erteilt, und recht herrisch wird, wenn man nicht macht, was sie sagt. Das stört mich allgemein, aber an dem Problem mit der Heizung lässt es sich gut aufzeigen. Nun habe ich ein bisschen „gegoogelt“, bin aber nicht wirklich zu einem Ergebnis gekommen, wie man in der gewaltfreien Kommunikation mit solchem Verhalten umgeht – oder auch ganz allgemein. Im Moment ist es so, dass ich entweder handgreiflich werden müsste (mit einer Waffe in der Hand die Heizung bewachen ;-), oder die Kollegin setzt sich durch. Es geht mir also weniger um die Kommunikation an sich, sondern darum, was man macht, wenn sich jemand gar nicht um das gute Verhältnis schert, sondern sich einfach durchsetzt. Das Büro wechseln oder der Situation ausweichen kann ich leider nicht. Auf Ihre Antwort wäre ich sehr neugierig – selbst wenn es kein so „schweres“ Thema ist wie die vorigen. Ich denke, es würde mir für zukünftige Situationen viel bringen. Viele Grüße Julia

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Giraffen haben die größten Herzen – wie groß ist Ihres?

Liebe Julia,

Sie haben einen Konflikt mit einer Kollegin, mit der Sie das Zimmer teilen. Diese möchte gerne eine warme Bude, Sie lieben etwas kühlere Temperaturen. Nun haben Sie bereits versucht, die Thematik mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg zu lösen, was aber nicht gelungen ist und Sie fragen hier um Hilfe wie Sie die Situation mit Hilfe der GfK lösen können.

Als erstes möchte ich Ihnen einige Fragen stellen. Was meinen Sie – welche Chance hat ein Pinguin und eine Giraffe, sich zu einigen, ob sie lieber gemeinsam in der Antarktis oder in Afrika ihre Zeit verbringen sollen? Ich vermute, die beiden werden sich nicht richtig einigen können – denn egal wie diese sich entscheiden – die Bedürfnisse sind einfach nicht unter einen Hut zu bringen. Dazu frage ich mich, wie es mit Ihren Bedürfnissen bezüglich Temperatur in Ihrem Büro aussieht? Das scheint nicht der Punkt zu sein, an dem Sie beide zusammen kommen.

Kampf oder Leben?

Dann möchte ich Ihnen eine Rückmeldung zu Ihrem Kommunikationsstil geben. Wenn Sie genauso kommuniziert haben, wie Sie es hier schildern, dann sind Sie nicht nach den Regeln der GfK vorgegangen und ich wundere mich ehrlich gesagt nicht, dass sich zwischen Ihnen beiden ein Konflikt entwickelte. Was Sie beschreiben hört sich für mich eher nach einem Machtkampf an als nach einem empathischen, einfühlsamen Gespräch. Das liegt an mehreren Faktoren:

  1. Alleine das Wort „Bitte“ zu verwenden heisst noch lange nicht, dass es sich um eine Bitte handelt. Das haben Sie ja bei der Kollegin richtig erkannt. Ihre Annahme, die Kollegin müsste sich doch in der GfK auskennen weil sie als HP Psych vom Fach sei, ist nicht nützlich. Das wäre zwar schön – davon dürfen Sie aber niemals ausgehen. Der erste Schritt in der GfK verlangt, dass Sie objektiv beobachtbare Sachverhalte beschreiben – keine Vermutungen, keine Annahmen, keine Interpretationen.
  2. In der GfK gibt es nicht nur einen Schritt – die Bitte – sondern Rosenberg geht von 4 Schritten aus: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und schließlich die Bitte. Wenn Sie genauso vorgehen, haben Sie eine Chance, in einem empathischen Kontakt zu kommen – aber keine Garantie.
  3. Wenn Sie als GfK’lerin merken, dass der andere gar nicht mit sich und seinen Gefühlen verbunden ist, dann ist es Ihre Aufgabe, Giraffen-Ohren zu bekommen und die Bedürfnisse des anderen zu „hören“.

 

Womöglich wäre es eine Lösung, wenn ein Chef oder ein Vorgesetzter ein Machtwort spricht und eine Lösung festlegt – so wie das in der Familie die Eltern tun können wenn Kinder sich nicht einigen. Womöglich ist die Situation auch nur lösbar dadurch, dass eine von Ihnen beiden das Feld räumt – denn so wie es jetzt ist, gibt es ja keine Arbeitsathmosphäre, in der Sie beide sich konstruktiv Ihrer Arbeit widmen können – Sie sind ja ständig mit diesem Konflikt beschäftigt und vergeuden Ihre Energie mit Kämpfen.

Oder Sie gehen es an und klären die Situation

Ich bin davon überzeugt, dass Sie die Situation lösen können, wenn Sie sich auf das konzentrieren was Sie beide verbindet. Haben Sie die Kollegin bereits gefragt, warum es ihr wichtig ist, so warm zu haben? Und haben Sie sich auch wirklich von Herzen dafür interessiert? Oder geht es gar nicht um die Temperatur und Sie kämpfen aufgrund von einer alten Distanz, die zwischen Ihnen herrscht? Haben Sie das Vertrauen, Ihr zu sagen, warum Sie eine niedrigere Temperatur bevorzugen? Was ich Ihnen empfehle ist, ein klärendes Gespräch zu führen. Wie wäre es denn, bei der Kollegin anzusprechen, was Ihnen wichtig ist? Wie wäre es zu sagen, dass Sie frustriert (Gefühl) sind, weil Sie wegen der Temperatur miteinander kämpfen (Beobachtung) und Sie Ihre Kraft gerne zum effektiven Arbeiten (Bedürfnis) verwenden würden als für unnötige Kämpfe zu verschwenden? Wie wäre es, die Kollegin zu fragen was sie als Lösung vorschlägt, weil Sie mit Ihrem Latein am Ende sind (Ihre Bitte)?  Fragen Sie die Kollegin, was sie bereit ist dafür zu tun, dass die Chemie zwischen Ihnen beiden besser wird.

Kontinuierliches Training bringt Erfolg

Wenn Sie Ihre Kommunikationskompetenz verbessern möchten, empfehle ich Ihnen, dies kontinuierlich zu üben. Dazu empfehle ich Ihnen zwei Möglichkeiten. Besuchen Sie entweder ein Training in Gewaltfreier Kommunikation – es gibt sicher Jahrestrainings bei Ihnen vor Ort. Oder Sie buchen das Online-Coaching „Love Revolution“ von Veit Lindau, ich kann das wirklich sehr empfehlen. Dies wurde dafür entwickelt, die Beziehungsqualität zu anderen zu verbessern – ob das nun Arbeitskollegen sind, Familienmitglieder oder sogar ein Liebespartner. Diese beiden Möglichkeiten werden Ihnen helfen, die Qualität der Beziehung zur Kollegin zusätzlich zu verbessern.

Und ich wünsche Ihnen Viel Kraft dazu und viel Spaß dabei.

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Bild: Shivani Allgaier (cc)

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