Sehr geehrte Frau Allgaier, ich wohne in einer WG. Meine Mitbewohnerin nimmt immer wieder einmal meine Sachen (Essen). Obwohl ich ihr schon gesagt habe, dass ich das nicht möchte. Sie sagt dann oft, Freunde von ihr hätten aus Versehen…. und ich stehe dann morgens ohne Milch für meinen Kaffee da. Sie meinte auch, ich würde bei solchen Gelegenheiten unfreundlich reagieren. Das kann sein. Ich habe ja mehrmals die Erfahrung gemacht, dass freundliches Bitten nichts nützt. Ich habe also im Grunde zwei Fragen: Wie setze ich meine Grenze wirkungsvoll und wertschätzend gegenüber der anderen Person. Können Sie damit etwas anfangen? Viele Grüße, Simone.

Liebe Simone,

Sie wohnen in einer WG und ärgern sich immer wieder über Ihre Mitbewohnerin, die sich an Ihrem Essen vergreift. Dass Sie das nicht möchten haben Sie ihr bereits mitgeteilt. Wenn Sie sie darauf aufmerksam machen, findet sie Ausreden bzw. schiebt ihren Besuch vor. Wenn Sie etwas sagen, sind Sie verständlicherweise ärgerlich und kommen unfreundlich rüber. Denn auf die freundliche Tour hatten Sie es bereits versucht, was ohne Erfolg war. Nun fragen Sie mich, wie Sie Ihre Grenzen freundlich aber wirkungsvoll setzen können.

img_3571
Mit Pferden kann man wunderbar lernen, Grenzen zu setzen.

In einer Gemeinschaft gelten immer Regeln. Das ist so, ob es sich um eine Liebesbeziehung handelt, eine Wohngemeinschaft, ein Team bei der Arbeit, mit einer Freundin oder in der Interaktion mit den Nachbarn. Sie können entscheiden, ob Sie die Regeln, die sich durch das Verhalten aller Beteiligten von alleine ergeben so annehmen – oder ob Sie andere aufstellen. Haben Sie das festgelegt? Was haben Sie gemeinsam vereinbart was das Essen betrifft? Oder haben Sie unterschiedliche Vorstellungen darüber? Ich kann das nicht für Sie tun – Sie sollten das gemeinsam aushandeln so wie es Ihren beiden Werten entspricht.

Wie kann das konkret aussehen?

Ich kenne Sie nicht – ich kenne Sie beide nicht. Ich weiss nicht, ob nur Ihre Mitbewohnerin Ihre Wünsche und Bedürfnisse übertritt – oder ob Sie das bei ihr genauso missachten – eben nicht beim Essen, sondern bei einem anderen Thema? Übernehmen Sie immer den Putzdienst, oder lassen Sie ihn schludern? Ist das mit dem Essen eine Schwäche der Mitbewohnerin oder eine Retourkutsche? Vielleicht denken Sie darüber mal nach. Wenn das Thema einseitig ist, legen Sie Regeln fest. Wenn es eine Retourkutsche ist, klären Sie das gemeinsam, besprechen Sie, dass jede die Verantwortung für sich übernimmt und das Retourkutschen hat ein Ende. Wie ist das mit dem Essen vereinbart? Darf sie von ihrem Essen nehmen? Darf sie davon nehmen, wenn sie Bescheid sagt, wenn es leer ist? Oder darf sie davon nehmen, wenn sie es in angemessener Zeit wieder auffüllt? Oder darf sie es nicht nehmen? Und wenn sie diese Regeln übertritt – wie lauten dann die Konsequenzen?

Was passiert wenn jemand Regeln übertritt?

Regeln ohne Konsequenzen sind wertlos, so als wären diese gar nicht aufgestellt. Sie müssen entscheiden, wie wichtig Ihnen die Einhaltung von Regeln ist. Es gibt drei Arten von Regeln mit unterschiedlichen Konsequenzen:

  • kann-Regeln: wenn sie übertreten werden hat es keine negativen Konsequenzen, bringt Ihnen aber Vertrauen wenn sie eingehalten werden (ist also beziehungsstiftend)
  • soll-Regeln: wenn sie übertreten werden hat es Unmut/ Wut zur Folge
  • muss-Regeln: wenn sie übertreten werden, gibt es harte Konsequenzen in Form von Strafe, was auch in Gesetzen festgehalten ist. Es kann von einer Verwarnung über Geldstrafebis hin zu Gefängnisstrafe reichen.

Ihre Mitbewohnerin hat eine Soll-Regel übertreten und ich finde Ihre Unfreundlichkeit angemessen. Oder sollen Sie etwa auch noch nett dafür sein, dass Ihre Grenze überschritten wurde? Was Ihre Frage deutlich macht ist: Sie sollten ein Beziehungsklärungsgespräch führen. Es geht dabei entweder darum, dass Sie klarstellen, wie Sie es mit dem Essen lösen möchten und was es konkret für Konsequenzen hat, wenn sie diese Regeln übertritt. Das kann sein, dass sie neues Essen kaufen muss, dass sie Sie zum Essen einladen muss, für Sie kochen muss, Sie zum Kaffee einladen muss oder Ihnen fällt vielleicht noch eine ganz andere Konsequenz ein? Falls es keine Einigung gibt, müssen Sie sich halt entzweien, denn  in der letzten Konsequenz könnte es bedeuten, dass Sie ihr mitteilen, dass Sie ausziehen oder sie ausziehen muss. Wie Sie das machen, bestimmen Sie beide gemeinsam. Was für den einen eine Mücke ist, kann für den anderen ein Elefant sein.

Wie können Sie also wertschätzend Grenzen setzen? Indem Sie in Klarheit sagen was Sie wollen und was Sie nicht wollen – mit den zugehörigen Konsequenzen. Keine Entschuldigungen, kein Vielleicht, feste Stimme, deutlicher Augenkontakt, keinen Vorauf aussprechen sondern Ihren Wunsch.

Und ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei, Ihre Wut zu zeigen wen das angemessen ist.

Ganz neu und passend zu dieser Frage ist dieses Buch von Anja Förster und Peter Kreuz erschienen:

Ich freue mich wenn Sie den Artikel auf Facebook, Twitter, Google+ oder per Email weiterempfehlen.

… oder einen Kommentar hinterlassen

.… oder die neuen Artikel per RSS abonnieren.

Bild: Shivani Allgaier (cc)

Advertisements