Liebe Shivani, mich beschäftigt sehr, wie ich authentisch sein kann, ohne meine alten Eltern zu verletzen. Das muss ich genauer erklären: Ich hatte als Jugendliche lange Zeit eine Essstörung, die aber – soweit ich weiß – unerkannt blieb (Bulimie). Ich war damals sehr unglücklich, traute mich aber nicht, dies in der Familie zu thematisieren. Ich dachte zum Beispiel, wir hätten kein Geld, damit ich beim Schüleraustausch mitmachen kann. Um meine Eltern zu schonen, habe ich dann so getan, als wolle ich gar nicht mitkommen. Einen Teil dieses Unglücklichseins habe ich bis heute, ins Erwachsenenalter von Mitte 30, verschleppt. Ich denke oft, dass ich gar nicht „ich selbst“ geworden bin, weil ich mich vieles nicht getraut habe und mir niemand geholfen hat. Nun habe ich einerseits das Bedürfnis, meinen Eltern kein „Theater“ von der fröhlichen Tochter vorzuspielen und würde mich gern mehr zeigen. Andererseits wären sie sicher erschrocken, wenn sie wüssten, in was für einer Welt ich früher gelebt habe. Vielleicht können Sie ja etwas dazu  sagen. Darauf wäre ich sehr gespannt. Viele Grüße Vanessa

img_9647
Nicht nur der Körper – auch die Seele kann verletzt sein.

Liebe Vanessa,

zunächst vielen Dank für Ihre berührenden Zeilen. Sie sind Mitte 30 und stellen jetzt fest, dass Sie sich in der Vergangenheit vieles versagt haben. Das ist traurig und was Sie schreiben klingt ausserdem sehr anstrengend. Sie haben sich eigene Wünsche gar nicht einfach so versagt – sondern Sie haben diese geopfert – Ihren Eltern oder den Vorstellungen der Eltern. Teilweise tun Sie das immer noch und haben das Gefühl, gar nicht „Sie selbst“ zu sein. Ihnen fehlte damals jemand, der Sie darin unterstützte – und Ihnen fehlte auch der Mut. Nun würden Sie gerne „Sie selbst“ sein und wissen vermutlich schlichtweg nicht wie das geht und sind auch irritiert, wie Ihre Eltern diese Veränderung aufnehmen würden. Sie befürchten sogar, dass Sie sie verletzen könnten und fragen mich um Rat.

Als erstes möchte ich Ihnen zu Ihrer wertvollen Einsicht gratulieren. Es ist sehr wertvoll zu erkennen, dass Sie etwas verändern möchten. Das ist der erste Schritt hin zu dem authentischen Leben, das Sie sich wünschen.

Wir lernen Regeln der Familie wie eine Sprache

Als Kinder müssen wir uns nicht anstrengen, eine Sprache zu lernen. Die Grammatikregeln haben wir alle im Kopf. Wir wenden sie täglich fehlerfrei an – können die Regeln aber nicht benennen. Genauso geht es uns mit den unausgesprochenen Regeln, die während unserer Kindheit im sozialen Umfeld galten. Wir können die Regeln nicht benennen – aber wir wenden diese ständig an und wiederholen dadurch das was wir in der Kindheit als „normal“ erlebten. Bei Ihnen lautet diese Regel in etwa: „Unterdrücke Deine Bedürfnisse, damit Deine Eltern geschont sind.“ Das ist zum einen anstrengend – denn Sie müssen ja ständig für sich und auch noch für Ihre Eltern fühlen und denken. Und zum anderen ist es sehr traurig – denn Ihre Bedürfnisse bleiben ja dabei unerfüllt.

Verschwendete Energie

Ich kann mir vorstellen, dass Sie auch ganz schön wütend sind. Darin wurzelt wohl auch Ihre Befürchtung, dass es Ihre Eltern verletzen könnte, wenn Sie beginnen, authentisch zu reagieren. Das wird in der Tat auch so sein, wenn Sie den Blick weiter in die Vergangenheit gerichtet halten und eine vorwurfsvolle Haltung Ihren Eltern gegenüber einnehmen. Vorwurf ist Aggression und zerstörerisch, es verletzt. Es könnte auch sein, der Vorwurf ist gegen Sie selbst gerichtet, dann würden sie sich selbst verletzen. Diese Haltung ist schmerzvoll und vergeudet jede Menge Ihrer wertvollen Energie und macht Beziehungen kaputt.

Wieder in die eigene Kraft finden

Es gibt einen Satz in meiner Arbeit, der immer wieder Gold wert ist: „Jeder Vorwurf ist nur ein schlecht formulierter Wunsch.“ Aus dem Vorwurf „Ihr habt mir nicht geholfen.“ können Sie machen „Ich hätte Euch damals gebraucht, ich war traurig und fühlte mich allein.“ Und wenn Sie den Blickwinkel dann zusätzlich weg von der Vergangenheit hin in die Gegenwart richten und langsam beginnen, jetzt danach zu leben, werden Sie immer kraftvoller. Es ist wichtig, dass Sie die Erfüllung Ihrer Bedürfnisse unabhängig von Ihren Eltern sehen. Übernehmen Sie die Verantwortung für die Erfüllung Ihrer Bedürfnisse selbst. Drücken Sie Ihre Gefühle aus. Zeigen Sie zum Beispiel Trauer, spüren Sie nach was die Trauer anzeigt, was Ihnen fehlt und machen Sie sich auf, dieses Bedürfnis zu erfüllen.  Sagen Sie, was Sie brauchen. Es kann natürlich sein, dass es Ihre Eltern irritiert, wenn Sie sich verändern. Das macht aber nichts – diese sind für sich selbst verantwortlich. Sie müssen keine Verantwortung für Ihre Eltern übernehmen, diese sind erwachsen.

Den Eltern die eigene Welt zeigen

Seien Sie mutig und zeigen Ihren Eltern Ihre Gefühle. Ich rate Ihnen jedoch, erstmal mit der Gegenwart zu beginnen. Sobald Sie sich kraftvoll fühlen, können Sie nachspüren, ob es für Sie wichtig ist, ein Gespräch über die Vergangenheit mit Ihren Eltern zu führen. Für manche spielt es dann gar keine Rolle mehr, bei anderen ergibt sich ein Gespräch darüber von ganz alleine. Auf jeden Fall ist ein Gespräch über die Vergangenheit leichter, wenn Sie in einer authentischen Gegenwart leben. Ihnen kann das unten verlinkte Buch dabei helfen – oder Sie suchen sich einen Therapeuten, der Sie ein Stück des Weges begleitet.Was aus meiner Erfahrung auch sehr hilfreich ist: ein wertschätzendes Umfeld, in dem jeder die Verantwortung für seine Bedürfnisse bereits übernimmt und Sie das aufsaugen können als neue Grammatik Ihrer Gefühlswelt. Falls es das in Ihrem Umfeld nicht gibt empfehle ich eine Jahresmitgliedschaft im Human Trust.

Und wenn meine Eltern verletzt sind?

Wenn Sie keine Vorwürfe, sondern Wünsche formulieren, dann können Sie Ihre Eltern auch nicht verletzen – sehr wohl aber deren Vorstellungen. Lassen Sie sich davon nicht irritieren. Bleiben Sie sich treu. Ihre Bedürfnisse zu erfüllen macht Sie selbstbewusst und glücklich. Und ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei, Ihr authentisches Selbstvertrauen zu entfalten.

Sie haben auch eine Frage? So können Sie diese stellen.

Produkte dazu bei Amazon:

Ich freue mich wenn Sie den Artikel auf Facebook, Twitter, Google+ oder per Email weiterempfehlen.

… oder einen Kommentar hinterlassen

.… oder die neuen Artikel per RSS abonnieren.

Bild: Shivani Allgaier (cc)

Advertisements