Ganz kurz nach Weihnachten freue ich mich sehr über einen schönen Gastartikel über ein ganz besonderes Geschenk: eine Puppe. „Eine Puppe?“ werden Sie denken… „so etwas Gewöhnliches“…! Lesen Sie über das Besondere einer mapapu und was sich dahinter sonst noch verbirgt. Der Artikel stammt von meiner Kollegin Friederike Klostermeyer, die ihre Praxis in Hamburg hat.

Eine Puppe ist etwas Persönliches und höchst faszinierend

Lea, 74 Jahre, hat es geschafft: Trotz mehrerer Not-Operationen an beiden Armen und Beinen thront sie heute wieder im Bücherregal einer 75jährigen Dame. Lea gehört zu ihr. Ohne Wenn und aber.

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mapapu: treuer Freund und Seelentröster

Puppen und Kuscheltiere – weit mehr als klassische Übergangsobjekte, sondern unsere ZWEITE, große Liebe, die oft ein Leben lang hält.

25 % vielreisender Manager nehmen ihren Teddy oder ihr Stofftier mit auf Reisen, wie die Umfrage einer internationalen Hotelkette ergab. In Mainz setzt die Polizei das Kuscheltier einer 3jährigen gar zur Fahndung aus, nachdem die Eltern des Mädchens eine Vermisstenanzeige erstattet hatten – mitsamt Phantombild! Zahlreiche Reiseanbieter offerieren Städtereisen, Tauchreisen und Gruppenreisen – exklusiv für Plüschtiere. Für die Ausstellung des Moskauer Goethe-Instituts “Ein Koffer für die letzte Reise” stellten Alte, Junge, Arbeiter und Künstler aus allen Ecken Russlands ihr ganz persönliches Gepäck für ihre Reise in den Tod zusammen.

Fazit: Nicht ohne mein Kuscheltier!

Kuscheltiere werden heiß und innig geliebt. Sie werden geherzt, besabbert, mit Tränen begossen, beschmust und zuweilen recht rabiat bespielt. Als Kind(heits)-Begleiter stehen sie als kritikfreie, gewährende, geduldig zuhörende Gesprächs- und Spielpartner zur Verfügung, verstehen als imaginäre Seelen intuitiv alles, was ihnen anvertraut wird. Es ist das Erfahren der bedingungslosen Akzeptanz mit allen Facetten der kindlichen Persönlichkeit – Anlässe und den Stoff hierfür liefert der Alltag.

Insa Fooken, Professorin der Psychologie an der Universität Siegen hält Vorlesungen zur Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters.       2012 widmete sie als Expertin den Puppen und Kuscheltieren ein eigenes Buch: „Puppen – heimliche Menschenflüsterer“. In ihrem Werk würdigt Fooken die besondere Rolle der Puppe, welche in unserer Gesellschaft von wachsender Bedeutung ist, zeigt den protektiven Part, welchen die Puppe in Form therapeutischer Begleitung und Lebenshilfe für das Kind spielt:

Bei Lebenszäsuren, wie dem Einstieg in den Kindergarten, die Begleitung bei schweren Krankheiten, Arztbesuchen oder Operationen, bei Trennung oder Verlust, unterstützend bei traumatischen Erfahrungen, aber auch zur generellen Angstbewältigung leistet die Puppe eine bedeutsame Aufgabe. Gemeinsam mit Dr. Lohmann hat Prof. Fooken eine Literaturübersicht „Chancen für Kinder durch Spielen“ verfasst, um die herausragende Bedeutung von Puppen und Kuscheltieren für die gesunde Entwicklung eines Kindes zu unterstreichen.

Ein Entwicklungshelfer aus Stoff!

Puppen mit Ihren beiden "Eltern": Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind
Puppen mit Ihren beiden „Eltern“: Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind

Als Eltern einer Patchworkfamilie stellen Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind im niedersächsischen Tostedt sogenannte mapapus her. Das Silbenwort mapapu setzt sich zusammen aus den ersten Buchstaben von Ma-ma, Pa-pa und Pu-ppe: mapapu – Entwicklungshelfer für alle Kinder, denen das Leben durch äußere Lebensumstände wie Tod, Trennung oder Umzug ein neues Lebenskonzept, das Abschiednehmen von dem Vertrauten abverlangt. Veränderung bedeutet, sich auf neues Terrain begeben zu müssen.

In der Regel sind die Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten für Kinder gering – umso massiver, prägender ist das subjektiv erlebte Gefühl der Ohnmacht, des “es geschieht” anstelle eines “ich entscheide”.

Die Eltern des Kindes – teils mangelnden Wissens, teils häufig genug aufgrund eigener Überforderung durch die neue Lebenssituation – können nicht immer geduldige, verständnisvolle, liebevolle Begleiter sein. Wie steht man dem Kind in dieser Lage hilfreich zur Seite? Thematisieren der Trauer und des Schmerzes oder “Gras über die Sache wachsen lassen”? Heilt Zeit alle Wunden? Welche Strategie ist die richtige? Da ist der Wunsch nach Ausdruck des Vertrauens in die Selbstregulationskräfte des Kindes, die Überzeugung, es wird im Laufe der Zeit die neue Situation in sein Leben integrieren können und das innige Hoffen – die eigenen Kräfte schonend – sich entpathologisierend verhalten zu dürfen. Salopp formuliert eine Haltung von “Kind-das-schaffst-Du-schon!”

Auf der anderen Seite will niemand Gefahr laufen, das Leid des Kindes zu ignorieren, die aufrichtige Würdigung der vom Kind erlebten Härte des Lebens – mitunter durch die Eltern verursacht – will zum Ausdruck gebracht werden. Es heißt Worte zu finden, die nicht noch zusätzlich Salz in die Wunde streuen, sondern vom Kind als heilsam empfunden werden.

Taten sagen mehr als Worte

Ein von Hand gefertigtes Kuscheltier aus dem Stoff der Eltern zeigt die innere Haltung zum Kind, bringt Wertschätzung zum Ausdruck, den Wunsch etwas Tröstendes geben zu können, selbst und gerade in Situationen, in denen es eigentlich keinen Trost geben kann. Es ist die Geste, die zählt, die in Erinnerung bleibt, weil in dem Kuscheltier die Manifestation der Trostwunsches zum Ausdruck gebracht wird. Viel mehr als die eigentliche Fähigkeit zum Trost zählt der Wille, die Absicht Trost schenken zu wollen. DAS wird gelebter Trost für Beschenkten und Schenkenden zugleich.

Menschen brauchen Rituale – in unserer ritualarmen westlichen Gesellschaft stellt das Schenken von einem individuell aus dem Stoff der Eltern gefertigten Kuscheltier eine Ressource dar, die es dem Schenkenden und Beschenkten ermöglicht, über die Krisensituation hinaus eine Kontinuität an Vertrautem, Sicherheitvermittelndem zu erleben oder einfach: ein Zeit überdauernder NLP-Anker.

Berührungsreliquien

DetailSeit dem 2. Jahrhundert verehren Gläubige Reliquien (lat. Reliquiae “Zurückgelassenes”). So findet sich in der Apostelgeschichte (Apg 19,12) ein Hinweis, dass selbst Schweiß- und Taschentücher des Heiligen Paulus von Gläubigen als  “Berührungsreliquien” bei sich getragen wurden. Der Chronist v. Merseburg berichtet, dass Kaiser Otto III. dem Grab vom Kaiser Karl ein goldenes Halskreuz als Reliquie entnahm. Millionen scheuten und scheuen weder Kosten noch Mühen, um auch nur einen kurzen Blick auf das Grabtuch von Turin zu erhaschen und noch heute zeugen beeindruckende Reliquien-Prozessionen und die Anzahl an Pilgern verschiedenster Religionen zu selbst entlegensten Wallfahrtsorten der Welt von der Bedeutung der Reliquien für die Gläubigen. Ebenso wie diese Gläubigen bestätigen, Trost, Halt und Orientierung durch die Reliquien zu finden, sind ähnliche Phänomene durch ein mapapu als moderne Variante einer  “Berührungsreliquie” aus der bekannten, so vertrauten Kleidung der geliebten Eltern naheliegend.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Aus der Retrospektive mit zwei eigenen halbwaisen Kindern und meiner psychotherapeutischen Arbeit kann ich mich den geschilderten Erfahrungen der Macher der mapapus sowie der Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Fooken nur anschließen und wünsche dem Projekt mapapu jede mögliche Form von Unterstützung und viel Erfolg!

Gastartikel von: Dipl.-Psych. Friederike Klostermeyer, Hamburg – die Puppen gibt es online bei mapapu.de

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Fotos © Hendrik Lind (mit freundlicher Genehmigung)

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