Eine Freundin erzählte mir zum ersten Mal von dem Phänomen „verlorener Zwilling“. Ihre Therapeutin hätte erzählt, dass sie einen tiefen Schmerz in sich trüge, weil sie diesen verloren hat. Mir kam das etwas komisch vor, aber meine Freundin beharrte darauf, dass sie sich seither wohler fühlte und ich konnte deutlich sehen, dass sie seither erfolgreicher und lebensfreudiger war.

In der hypnotischen Trance ist es möglich die bis dahin irrationale Gefühle zuzuordnen.

Wenige Monate später erlebte eine Patientin in einer Trance-Sitzung genau diesen Schmerz: Mein Zwillingsbruder ist tot! Und dabei war sie noch gar nicht geboren. „Ich war so hilflos, dass ich nichts machen konnte und ich fühlte mich auch schuldig dafür. Ich war am Leben und er war tot.“  Konkret hatte es sich im Leben der Patientin so ausgewirkt, dass sie immer die Sehnsucht nach einem Partner hatte – aber es einfach nicht schaffte, eine tragfähige Partnerschaft aufzubauen. Immer wenn da jemand war, entwickelte sie irrationale Ängste, die dazu führten, dass sie jeden Partner wieder in die Flucht schlug. Jetzt verstand sie plötzlich ihre Gefühlswelt. Sie hatte gar keine Angst vor der Partnerschaft, sondern es waren die alten Ängste, ohne den Bruder zu ein. Es war die alte Hilflosigkeit, nichts dagegen machen zu können, dass er stirbt. Sie hatte gar keine Angst, den Partner wieder zu verlieren, die Gefühle gehörten in eine andere Zeit. Sie waren jetzt endlich am richtigen Platz – in der Vergangenheit – dort wo sie hingehörten und die Patientin konnte mit voller Kraft ihr Leben leben. Zum Glück hatte meine Freundin mir davon erzählt, sonst hätte ich die Spur womöglich gar nicht verfolgt. Und mit unbewältigten Gefühlen meiner Patienten kann ich ja zum Glück umgehen. Schließlich ist das der Schwerpunkt meiner täglichen Arbeit.

Die Fakten zum „lost twin syndrom“ wie es im englischsprachigen Raum heißt.

Ärzte und Biologen sehen in dem Verlust kein großes Drama. Jedoch für den verbleibenden Zwilling ist es eine emotionale Katastrophe. Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass 50 – 78 % aller Schwangerschaften zu Beginn Mehrlingsschwangerschaften sind. Das bedeutet, dass beinahe die Hälfte aller Menschen bereits vor der Geburt ein Geschwisterlichen verloren haben. In den ersten Wochen wird der Embryo lebensunfähig und geht entweder ins Gewebe des verbleibenden Zwillings oder der Plazenta über. Haut- und Haarklumpen finden sich dann bei Operationen im Körper des Überlebenden selbst noch wenn dieser bereits erwachsen ist. Oder die Plazenta hat bei der Geburt eine kleine Verdickung, in der man Haut oder Haar deutlich erkennen kann, wenn sie untersucht wird.

Was es konkret für Auswirkungen haben kann, den Zwilling verloren zu haben.

Wie die Betroffenen es erleben, dass der andere Zwilling nicht mehr da ist, ist sehr individuell. Die einen sind wütend, dass der andere sich aus dem Staub gemacht hat. Im Leben später heißt das, dass wir unbewusst immer wieder Partner oder Gefährten anziehen, die uns davonrennen und wir wütend sind. Andere haben Angst, alleine zu sein. Diese suchen sich später immer jemanden, um diese Angst ja nicht zu spüren. Das heißt, es geht gar nicht um den anderen, den ich liebe, sondern nur darum, nicht alleine zu sein. Wieder andere haben Schuldgefühle, den Tod gar verursacht zu haben. Diese haben später ständig das Gefühl, eine Belastung für Gott und die Welt zu sein. Das ist nicht nur unangenehm für die Betroffenen, sondern auch für die Umwelt. Sie leben mit dem Grundgefühl „Entschuldigung, dass ich existiere!“

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Was ändert sich, wenn die Gefühle keinen Einfluß mehr auf die Gegenwart haben?

Zunächst erleben die Betroffenen ein größeres Selbstwertgefühl, weil Pläne plötzlich bis zum Ziel verfolgt werden. Außerdem berichten sie von mehr Lebensfreude mehr Kraft im Leben. Und als die wichtigste Veränderung wird beschrieben, dass sie sich endlich als Teil einer Gemeinschaft fühlen können. Ohne Sehnsucht danach – oder ohne das Gefühl zu haben, die anderen mit ihrer Anwesenheit zu belasten. Was für eine Befreiung.

Weiterführende Informationen.

Hören Sie auf der Seite meiner Kollegin Angela Braun einen Beitrag von Mirjam Müller als Podcast. Wenn Sie vermuten, dass Sie einen verlorenen Zwilling haben, dann empfehle ich Ihnen, eines der Bücher unten zu lesen. Direkt aus dem Leben einer Betroffenen lesen Sie hier im Blog Zwillingslos.

Haben Sie auch schon Erfahrungen gemacht mit dem Thema? Ich freue mich über Ihre Kommentare oder auch darüber wenn Sie weitergehende Informationen darüber anfügen.

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