Wozu soll das gut sein? Zwangsgedanken

Der Charakter eines Menschen wird am besten
erkannt in der Vertraulichkeit;
denn da herrscht kein Zwang.
(Francis Bacon)

Wer unter Zwangsgedanken leidet schämt sich oft dafür. Das Gewitter im Gehirn drängt sich auf und es ist nicht möglich, dieses zu unterbrechen. Hinzu kommt oft noch, dass die Betreffenden sich so fühlen, als hätten sie die Zwangsgedanken wirklich ausgeführt. Nun wäre es ja toll, wenn die Inhalte erfreulich wären. Das ist jedoch weit gefehlt. Diese lösen immer unangenehme Gefühle aus wie Angst, Hilflosigkeit, Schuld, Scham und Ekel. Die Tatsache, dass der Betreffende den Gedanken nichts entgegensetzen kann ist außerdem nicht gerade förderlich für das Selbstbewußtsein. Der Leidensdruck kann enorm werden und dennoch gehen die meisten vor lauter Scham erst sehr spät zum Psychiater oder Psychotherapeuten. Und selbst dort offenbaren sich die Betroffenen erst getarnt mit einer Angsterkrankung oder eine Depression bevor sie sich oft erst nach vielen Sitzungen mit ihren Zwangsgedanken anvertrauen. So groß ist die Scham darüber und so eng machen die Schuldgefühle, die damit verbunden sind.

Die Gedanken verschaffen keinen Spannungsabbau

Das fatale an Zwangsgedanken ist, dass es nicht möglich ist, dagegen anzukämpfen. Für einen gesunden Autofahrer kann es ein erleichternder Spannungsabbau sein zu denken: “Wenn der da vorne weiter so trödelt, dann schiebe ich ihn von hinten an.” Schließlich ist die Spannung ja dann weg und der Betreffende fühlt sich leichter.  Er kann dann zum Alltagsgeschäft übergehen. Für einen Patienten mit Zwangsgedanken ist der Satz “Ich könnte dem da vorne etwas antun.” höchst besorgniserregend. Zum einen wiederholt sich der Satz ständig. Oft auch in vielen Varianten. “Was ist wenn ich den Mann dort jetzt von der Brücke schubse?”, “Ich könnte den vor mir stolpern lassen.” Und der Patient hat den Gedanken nichts entgegenzusetzen. Je mehr er dagegen kämpft, desto stärker werden die Gedanken. Und die Beispiele, die ich hier schreibe sind noch von der harmlosen Sorte…

Wen kann das Gedankengewitter im Kopf treffen?

Oft bricht die Zwangserkrankung aus nachdem der Patient eine Krise erlebt. Bei 85 % der Erkrankten bricht die Krankheit noch vor dem 35. Lebensjahr aus. Bei einigen tauchen die Symptome nur in stressigen Zeiten auf, andere sind ständig davon geplagt. Es scheint keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu geben, die Rate ist bei beiden gleich hoch.

Wie sieht die Behandlung aus?

Wer Zwangsgedanken hat fühlt sich oft allein

Lange Jahre galt die Behandlung von Zwangsgedanken als schwierig oder gar hoffnungslos. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Zum einen gibt es mittlerweile Erfahrungen mit Medikamenten. Zwar treten unter der Medikation die Zwangsgedanken noch in milderer Form weiterhin auf – es ist jedoch für die Betreffenden erstmal eine Erleichterung. Ein Medikament hat immer den Sinn, erstmal den seelischen Druck zu reduzieren. Eine Heilung ist damit nicht verbunden. Erfolgt nicht parallel dazu eine Psychotherapie, dann treten die Zwangsgedanken wieder genauso stark auf wie vor der Medikation wenn diese abgesetzt wird. Je früher eine Behandlung erfolgt, desto erfolgversprechender ist sie.

Zum anderen gibt es mittlerweile psychotherapeutische Ansätze zur Behandlung von Zwangserkrankungen. Die Verhaltenstherapie arbeitet mit dem Ansatz, sich inhaltlich von den Gedanken zu distanzieren und sich den auftretenden Gefühlen zu stellen – die klassische Konfrontation also. Die Psychoanalyse geht davon aus, dass ungefähr im Alter von zwei Jahren Angst- und Schamgefühle abgespalten wurden. Ziel der Therapie ist es, die Abwehrmechanismen aufzudecken und einen reifen Umgang mit den Gefühlen zu ermöglichen.

Und was sagt die Systemische Therapie dazu?

Wer das ganze System betrachtet und nicht nur den einzelnen Menschen geht ganz anders vor. Betrachtet wird das Symptom getreu der Grund-Annahme: “Das Symptom ist nicht das eigentliche Problem, sondern nur die Lösung für ein ganz anderes Problem”. Wer sich wie in einem Brainstorming darauf einlassen kann, die angstauslösenden Gedanken mal spielerisch als eine Lösung für ein Problem zu betrachten, der findet oft einen ungelösten Konflikt im Hintergrund und die Zwangsgedanken sind die Lösung für genau diesen Konflikt. Nur eben eine Lösung, die nicht funktionieren kann.

Brainstorming der besonderen Art

Beim Brainstorming geht es darum Lösungen zu Problemen zu finden. Auch ganz abstruse Lösungen werden ausgewertet. Erstmal wird alles gesammelt, das hilft, das Problem theoretisch zu lösen. Auch das was offenbar nicht nützt, das Problem wirklich zu lösen. Beispielsweise weil die Lösung gewalttätig wäre – ein Mord zum Beispiel. Meine geliebte Lehrerin Penny McLean beliebte in Ihren Seminaren nur zu gerne eine ganz außergewöhnliche Lösung für Probleme anzubieten. Wer jammerte: “Wegen meines Mannes kann ich dies oder jenes nicht tun.” Dem bot sie an: “Ganz einfach – stellen wir uns vor, ich habe hier in der Handtasche eine Smith & Wesson und wir erschießen ihn.” “Das können wir doch nicht machen!” “Ja, dann überlegen wir uns eben eine andere Lösung.” “Dann muss ich wohl oder übel lernen, mich durchzusetzen.” war häufig die Antwort. Ohne die Smith & Wesson wäre die betreffende Frau auf diese Lösung nicht gekommen. Der Mann ist schuld – Sie wissen schon…
Jetzt könnte ich doch sagen, bei der Behandlung von Zwangsgedanken gehe ich ebenso vor wie beim Brainstorming – nur eben rückwärts! Ich schaue mir die Lösung an und suche das Problem dazu. Und wenn es dann gelingt, dieses Problem auf andere Weise zu lösen, dann verebben auch die Zwangsgedanken. Denn dann werden sie ja nicht mehr gebraucht.

Und wie kann das nun in er Praxis aussehen?

Stellen wir uns vor, da ist eine Frau, die hat Angst Ihrem Kind etwas anzutun – das ist das Symptom. Natürlich ist dieser Gedanke höchst erschreckend. Er löst Angst aus. Denn eine Mutter soll doch ihr Kind lieben und für es sorgen. Und nun drängen sich immer wieder Gedanken auf, sie könnte dem Kind schaden. Nicht gerade angenehm. Ab hier tritt  nun fast schon kriminalistisch ein therapeutischer Sherlok Holmes auf den Plan. “Welches Problem könnte es nun zu der Lösung geben – das Kind ist tot?” “Wenn es nicht da wäre, dann …?

… könnte ich weiter meinen Beruf ausüben.
… könnte ich meiner Mutter beistehen, die einen Konflikt mit ihrem Partner hat.
… könnte ich viel mehr Geld verdienen.
… könnte ich anderen Menschen helfen.

Meistens befinden die Betroffenen sich in einem sehr schweren Dilemma – was mir die Heftigkeit der Inhalte von Zwangsgedanken etwas erklärt. Und zu jedem dieser Probleme gibt es auch noch andere Lösungen als das was der Inhalt der Zwangsgedanken bisher vorgeschlagen hat. In den allermeisten Fällen ist es wichtig, das gesamte Lebenssystem des Betreffenden mit einzubeziehen, deswegen empfehle ich bei Zwangsgedanken einen systemischen Therapeuten. Wenn das wirkliche Problem einmal identifiziert ist, dann kann die weitere Behandlung ganz einfach sein. Es kann jedoch auch sein, dass es noch enorme Vorarbeit braucht, die emotionale Stärke aufzubauen, die notwendig ist, den inneren Konflikt wirklich lösen zu können.

Ich wünsche mir, ich kann einigen Betroffenen mit diesem Text Mut machen, sich in Behandlung zu begeben. Und ich hoffe, ich kann damit einigen den Schrecken vor sich selbst nehmen.

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5 Kommentare to “Wozu soll das gut sein? Zwangsgedanken”

  1. Liebe Shivani,

    so ermutigend und passend formuliert habe ich das Thema selten dargestellt gefunden. Ich hoffe, dass Dein Beitrag vielen Menschen Mut macht, sich Hilfe zu gönnen.

    Liebe Grüße,
    Marco (Doc)

  2. In der Verhaltenstherapie ist die Exposition gegenüber Zwangsgedanken etwas, was immer auf besondere Art und Weise bewerkstelligt werden muss. Beispielsweise wurden schon Tonbänder mit Endlosschleifen angefertigt. In neueren Psychotherapien, die z.B. auf Achtsamkeit fokussieren, kann es aber auch Ziel sein, überhaupt Abstand zu dem “Gedankengewitter” im Gehirn zu finden. Vielen Dank für den interessanten Beitrag! Liebe Grüße aus München, Martin Fegg

  3. Mein Freund leidet seit ca 2 Jahren unter Zwangsgedanken. Es ist wirklich sehr schwer das alles zu ertragen (für ihn und auch für mich). Dieser Artikel ist wirklich sehr schön geschrieben und die Erklärung mit dem Zwangsgedanken der Mutter gegenüber ihrem Kind hilft mir wirklich sehr viel weiter um die Gründe dieser Erkrankung besser verstehen zu können.
    Danke.
    Ich würde mich über weitere Artikel dieser Art sehr freuen.

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