Jeder Vorwurf ist ein schlecht formulierter Wunsch?

Meinungsverschiedenheiten gibt es überall. Nur scheint es einen Unterschied zu geben zwischen den einen, die dies konstruktiv tun und zu einem Ergebnis kommen – und denen, die dies nicht konstruktiv tun und mit dem Streiten an sich beschäftigt sind, sich richtig gehend darin festbeißen.

Wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind, fühlen wir uns schlecht.

Was unterscheidet diese  beiden Gruppen?  Die Konstruktiven haben mehr Spaß am Leben – die anderen sind gefrustet und schlecht gelaunt. Das ist der emotionale Aspekt. Und wie war das mit den Gefühlen? Wem es gut geht, der bekommt seine Bedürfnisse erfüllt, wer sich unwohl fühlt, dem fehlt etwas? Die einen bekommen also was sie brauchen – die anderen nicht? Ist das zu einfach um wahr zu sein?

Tatsächlich wird seit Carl Rogers, dem Begründer des Personenzentrierten Ansatzes in Gesprächsführung und Therapie ein kleiner Trick gelehrt, der beides erklären kann. Rogers geht davon aus, dass die Qualität der Beziehung zwischen zwei Menschen  darüber entscheidet, ob eine Botschaft ankommt oder nicht. Dasselbe sagt auch Paul Watzlawick in seinem 2. Axiom der Kommunikation: “Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersteren bestimmt.” Das zur Theorie, aber nun zurück zur Praxis und damit zum Trick.

Eine Beziehung lebt von Wertschätzung – nur wie sieht das konkret aus?

Rogers und Watzlawick sind sich einig: Wer will dass seine Botschaft ankommt braucht eine gute Beziehung zum anderen. Und was kann ich dafür tun, dass die Beziehungsqualität gut ist? Ganz einfach: den anderen anständig (sprich wertschätzend) zu behandeln. “Das mache ich doch!” Werden viele denken. “Und dennoch bin ich nicht zufrieden…!” Dann ist immer noch die Möglichkeit, dass die Intention zwar eine wertschätzende ist – jedoch nicht die Wirkung.

Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche.

Was hilft sind Ich-Botschaften. Was die Beziehung verschlechtert sind Du-Botschaften. Das eine ist wenn jemand klar einen Wunsch äußert und das andere sind einfach nur Vorwürfe. Das Geheimnis liegt einfach darin, dass der andere auf einen Wunsch von mir neutral – oder im besten Falle positiv reagieren kann. Mit einem Vorwurf dagegen schaffe ich eine Distanz zum anderen. Ich greife ihn an und fordere ihn heraus, sich entweder zu verteidigen oder zum Gegenschlag auszuholen. Entweder er rechtfertigt sich (und fühlt sich schlecht dabei) oder er wird mir selber einen Vorwurf um die Ohren hauen (und wird wütend). Über die Formulierung von Ich-Botschaften gibt es viel Literatur, einen sehr guten Artikel darüber finden Sie bei meinem Kollegen Roland Kopp-Wichmann. Mir selber hilft immer wieder ein Zitat von Martin Haberzettl: “Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche.” Auf das Zitat hat mich vor Jahren eine Coaching-Klientin aufmerksam gemacht. Ich bin noch heute dankbar dafür. Denn dahinter verbirgt sich ja dann eine sehr praktische, einfache Formel. Das gute daran ist, dass ich jeden Vorwurf einfach in einen Wunsch umformulieren kann. Wenn das stimmt, dann würden die Zufriedenen Menschen und die konstruktiven Streiter sich von den unzufriedenen dadurch unterscheiden, dass die einfach sagen was sie wollen? Und die anderen ihre Zeit mit Streiten verbringen?

Eine kurze Demonstration sehen Sie in dem Video, das ich mit meiner Kollegin Jutta Blumhagen zum Thema aufgenommen habe. Das Video gehört zu unserem Videoblog.

Wenn Sie sich demnächst in einem Konflikt befinden oder sich in einem Gespräch unwohl fühlen, empfehle ich Folgendes: Überprüfen Sie, ob es auf einer der beiden Seiten eine vorwurfsvolle Grundstimmung gibt. Und machen Sie dann aus dem Vorwurf den Sie aufspüren (was der andere gefälligst tun oder lassen soll oder was am anderen nicht stimmt) einen Wunsch (was Sie haben möchten).

Was sind Ihre Erfahrungen mit Vorwürfen und mit Wünschen?

Ich freue mich über (fast) jeden Kommentar und vielen Dank fürs  Weitersagen wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, hier der Kurz-Link zum Kopieren: http://tiny.cc/thras

About these ads

5 Responses to “Jeder Vorwurf ist ein schlecht formulierter Wunsch?”

  1. Wer einen Vorwurf äußert, der bekommt meistens auch einen Vorwurf wieder zurück und das kann man so lange treiben, bis beide Seiten explodieren. Habe das auch schon selber ein paar Male erlebt. Da hilft es wirklich, wenn man sich beherrschen kann und nicht selber mit einem Vorwurf antwortet. Mittlerweile schaffe ich es, zumindest den Mund zu halten. Werde das noch ausprobieren, mit den Wünschen.
    Grüße,
    Christina

  2. können sie bitte noch mal deutlicher erklären wegen formulierungen?
    brauche es echt ganz dringen, weil mein beziehung wegen meine vorwürfe kaputt geht! :(

    • Liebe Julia,
      oft ist es besser, sich von einem Coach oder Therapeuten begleiten zu lassen, der sieht die Situation klarer wenn schon so viel gestritten wird!
      Bei den Formulierungen ist es einfach wichtig, dass Sie den Wunsch aus dem Vorwurf herauslesen und nur den kommunizieren. Also statt “Du kommst immer zu spät.” sagen Sie: “Ich möchte nicht in der Kälte herumstehen weil ich auf Dich warte, bitte komm pünktlich.”
      Herzlicher Gruß
      Shivani Allgaier

Trackbacks

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 371 Followern an

%d Bloggern gefällt das: